Es ist sehr wohl möglich, dass Menschen verstehen, „dass es mit der Macht letztlich ‚nichts ist‘, dass es vielmehr noch eine ganz andere Welt der durch das Erleiden von Unrecht sich erschließenden Wahrheit und Transzendenz gibt: die Achtung vor und die Liebe zum Menschen, die letztlich alles zwischenmenschliche Machtstreben übersteigen“. So schreibt der Arzt, Psychotherapeut, Psychologe und Philosoph Dieter Wyss in seinem drei Jahre nach seinem Tod erschienenen grandiosen Buch „Kain – Eine Phänomenologie und Psychopathologie des Bösen“ (1997).
Das Böse! Was ist es? Warum haben wir Angst davor, darüber zu sprechen? Hat es eine solche Kraft, dass es uns schon in seine Abgründe hineinzieht, wenn wir über das Böse nachdenken oder darüber diskutieren? Oder tabuisieren wir das Böse sogar, weil wir wissen, wie sehr es am Ende unseren Alltag prägt? Und wir uns nicht zutrauen, die Welt und schon gar nicht uns selbst zu ändern?
Unsere Raubtiernatur ist für das Böse offen
Worum geht es in dem spannenden Buch von Dieter Wyss, das sich den Mörder Kain zum Thema nimmt? Der Psychiater und Philosoph Dieter Wyss ist einer der wenigen Intellektuellen, die schon vor Jahren verstanden und sich auszusprechen getraut haben, dass der Mensch von Natur primär nicht zum Guten disponiert ist. Für ihn bleibt jeder Mensch immer in der Schwebe, im Möglichkeits- und Entscheidungsraum für ein Handeln, das am Ende gut oder auch böse sein kann. Das Beschwören einer Moral, die es einzuhalten gelte, hält er für einen absurden Versuch, das Gute zu verwirklichen. Das Faszinierende an Dieter Wyss ist, dass er noch einen Schritt weiter geht und er den Menschen sogar im Möglichkeitsraum des Bösen verortet.
Er weiß und spricht an, wie dünn der Firnis der Zivilisation ist – und dass es in jedem Menschen immer die Versuchung zum Bösen gibt. Das begründet er nachvollziehbar mit der Geschichte der Menschheit über die Jahrtausende: „Es ereignet sich im Verlauf der Humanisierung nicht nur die Sozialisierung der Hominiden, sondern auch deren Desozialisierung.“ Und so zeichnet sich für Wyss im Verlauf der Menschheitsgeschichte vor allem auch der „Untermensch“ ab, also der Mensch, der sich bewusst gegen alle Regeln der Zivilisation entscheidet. Dieter Wyss arbeitet in seinen Studien heraus, dass Menschen im Verlauf ihrer jahrtausendelangen Entwicklung immer auch eine „Raubtiernatur“ entwickeln mussten, um zu überleben, und diese Raubtiernatur bleibe in jedem Menschen ein Leben lang lebendig und auch notwendig: „Das evolutive Erbe der desintegrierten Raubtiernatur ist zweifellos eine Bedingung des Menschseins.“ Und genau diese Raubtiernatur habe die Tendenz in sich, das Böse zu suchen und zu tun.
Das aber ist nicht die einzige Möglichkeit des Menschen. Denn er kann dieses aggressive Moment seiner Existenz auch integrieren in eine Mitmenschlichkeit, die im anderen Menschen den zu liebenden Partner und nicht den naturgegebenen Feind sieht. Das wäre das Ziel des Menschseins. Häufig geschieht freilich das exakte Gegenteil: „Es ist also zusammenzufassen, dass die desintegrierte Raubtiernatur der Hominiden zu Maßlosigkeit prädestiniert, wie sie auch das Leben des einzelnen durch eine Dauermotivation eines im Vordergrund stehenden Antriebes zu bestimmen vermag: Rachsucht, Habsucht, Ehrgeiz.“ Wyss nennt solch – böses – Streben „einen Einkörperungsvorgang“, der „primär ein Bemächtigungsstreben sei“.
Beispiele in der Geschichte der Menschheit gibt es dafür unendlich viele! Von Julius Caesar bis Adolf Hitler. Einem solchen Triebmuster stellt er allerdings den Vorgang der „Entkörperung“ entgegen mit den Impulsen der „Hingabe, Zuwendung und Einfühlung; der Identifikation mit dem Anderen überhaupt“. Auch dafür lassen sich in der Geschichte viele Beispiele finden. Die Frage ist jeden Tag neu: Welcher Aspekt gewinnt im Menschen am Ende die Oberhand?
Auch an diesem Weihnachtsfest stehen wir in der Mitte dieser beiden Pole des Menschseins. Auf der einen Seite feiern wir die Geburt eines unschuldigen Kindes, das im Verlauf seines Lebens entdeckt, dass es Gottes Sohn ist und sich in dieser Entdeckung als liebender und heilender Gottes- und Menschensohn entwickelt. Auf der anderen Seite sehen wir die Brutalität der Menschen, die sich in die Abgründe des Hasses hinein verwickelt haben. In Russland und der Ukraine, im Nahen Osten, im Sudan, an so vielen Orten der Welt. Im „Tun des Bösen“ geht es für Wyss immer um die „totale Vernichtung des Anderen, des Opfers. Im Akt der Erniedrigung, Verfemung, Verleumdung, endlich Vertilgung des zum Opfer Bestimmten schwingt keinerlei bestätigende Zuwendung mehr mit“, der Andere muss vom Täter „zum Schweigen“ gebracht werden.
„Gut und Böse lassen sich nicht entgegensetzen“
Die Liste derer, die so gehandelt haben und handeln, ist lang, so schreibt er, von Adolf Hitler und Heinrich Himmler bis zu Maximilien Robespierre und Josef Stalin. Immer geht es darum, den Anderen in seinem Existenzrecht nicht wahr- und anzunehmen, ihn am Ende sogar zu vernichten. Diese Dynamik, den anderen Menschen nicht sehen und hören zu wollen, ist aber doch gerade heute auch ein Alltagsphänomen unserer Gesellschaft: etwa wenn wichtige Stimmen der Gegenwart vom allgemeinen öffentlichen Diskurs ausgeschlossen bleiben, wenn arme Menschen in unserer Gesellschaft kaum eine Lobby haben, wenn an Universitäten Nachwuchskräfte, die etwas zu sagen hätten, nicht gefördert werden; oder wenn in Betrieben ein Klima der Angst und Sprachlosigkeit herrscht und dieses ganz bewusst nicht durchbrochen, sondern machtvoll instrumentalisiert wird. „Das Böse ist immer und überall“, hat eine österreichische Schlagergruppe vor Jahren gesungen – und das ist auf jeden Fall insoweit richtig, als es wenigstens als Möglichkeit immer im Raum steht.
Dieter Wyss, und das ist das Spannende, erklärt das Böse nicht vereinfacht als das, was nicht zu tun und also streng abzuweisen ist. Im Gegensatz zu einem solchen dogmatischen Ansatz erforscht er die Psyche des Menschen, seine ambivalente Subjektstruktur und zeigt auf, was im Innersten des Menschen wirklich los ist. Der Mensch ist halt, so stellt er zutreffend fest, nicht gemacht für eine ideale moralische Welt: „Gegenüber der außerzeitlichen Idealität des Guten ist das Böse von Anfang an unabweisbare Ingredienz, notwendige Voraussetzung überhaupt von Realität. Für die Verwirklichung des ‚Guten an sich‘ … ist in der Wirklichkeit kein Platz.“
Ein solches Verständnis der Wirklichkeit ist gerade heute deshalb so wichtig, weil es sich gegen alle Argumentationen wendet, die das Gute gegen das Böse ausspielen, etwa im Sinne: Russland ist böse, die Ukraine ist gut. Israel ist im Recht, die Hamas alleine für das Morden verantwortlich. Oder auch umgekehrt: Die Hamas hat nur für die Lebensrechte der Palästinenser gekämpft, Israel ist seit Jahren der Unterdrücker dieses Volkes und alleine verantwortlich für all das, was in den letzten Jahrzehnten an Gewalt geschehen ist. All diese vereinfachten Argumentationen fallen vor dem Verständnis eines integrativen Wirklichkeitskonzeptes in sich zusammen, denn mit den Worten des Philosophen Georg Picht, den Dieter Wyss zitiert, lässt sich festhalten: „Das Gute und das Böse lassen sich nicht nach dem Satz vom Widerspruch einander entgegensetzen. Beide sind im Leben gleich ursprünglich enthalten, beide gehen ständig ineinander über. Es gibt kein Gutes, in dem sich nicht auch das Böse, kein Böses, in dem sich nicht auch das Gute manifestieren würde. Die Worte ‚gut‘ und ‚böse‘ bezeichnen wie die Worte ‚Licht‘ und ‚Nacht‘ die Grenzwerte eines Prismas von unendlichen Übergängen. Alles Lebendige erscheint in diesem Prisma; alles Lebendige ist deshalb ambivalent.“
Das Böse aus dieser Ambivalenz herausnehmen und als Böses bekämpfen zu wollen, erscheint vor solchem Hintergrund als ein konstruierter Reduktionismus. Denn das Böse kann eben nicht in so vereinfachter Weise isoliert und bekämpft werden. Es bleibt immer auf allen Ebenen des Lebens in irgendeiner Form da und kann so buchstäblich nicht ausgemerzt werden.
Die Anonymität des Netzes fördert das Böse
Für den Philosophen Georg Picht gibt es noch eine zweite nicht zulässige Verkürzung des Themas. Denn wir sprechen allzu gerne von einem Bösewicht, von einem bösen Menschen, von einem Verbrecher und reduzieren damit die Kategorie des Bösen recht schnell auf die Kategorie des einzelnen Menschen.Picht wendet dagegen überlegenswert ein: „Im kollektiven Bewusstsein ziehen sich jene Wolken zusammen, aus denen dann der Blitz des Bösen hervorbricht. Wir sind böse, weil wir das kollektive Bewusstsein widerstandslos in unser eigenes Bewusstsein eindringen lassen. Jener Raum, den wir als unsere ‚Seele‘ bezeichnen, erweist sich dann als ein Vakuum, das Solches aufsaugt, für das wir selbst nicht einstehen können. Wo immer in Kulturen und Gesellschaften, in Gruppen und Individuen ein derartiges Vakuum entsteht, findet das Böse seine Höhle. Es wäre harmlos, wenn es uns nur in Verbrechern und Übeltätern begegnete. Aber der Humus, in dem das Böse gedeiht, sind die flachen Köpfe und gleichgültigen Herzen, die Mittelmäßigen, die Spießer, die Funktionäre, die manipulierbare Masse in allen Schichten der Gesellschaft. Vernichtungskriege sind das Werk von Automaten eines abstrakten Pflichtgefühls. Die Techniker des Genozids sind keine Bestien, sondern Durchschnittsmenschen.“
Das Böse ist also vor allem auch ein gesellschaftliches Phänomen!
Gerade heute, in der digitalen Welt, erleben wir doch, wie das Böse zum gesellschaftlichen Alltag wird: Das böse und anonyme Sprechen im Netz oder, bereits einen Schritt vorher, die anonyme Grundstruktur des digitalen Netzes, wo sich das Böse in so vielen unerkannten Kammern zusammenbraut und sein Unwesen treibt. Gerade in der digitalen Welt gilt, dass man sich dem Bösen allzu gerne „lustvoll“ ausliefert, wie Wyss schon vor 30 Jahren schreibt. Denn es ist natürlich aufregender, sich dem Bösen zu verschreiben, als der Versuchung zum Bösen zu widerstehen. Gerade „die lustvoll durchgeführte Grausamkeit“ ist beim Täter des Bösen nach Wyss „mit dem Hochgefühl absoluter Macht über das Opfer verbunden“. Im digitalen Netz ist diese Diagnose, die vor fast 30 Jahren gestellt wurde, jeden Tag wieder neu zutreffend.
Straubinger Tagblatt vom 24. Dezember 2025