Weihnachten 2025: Wahres Sprechen hat eine Tiefendimension

Ich kenne einen Schriftsteller, der so richtig stolz darauf ist, dass er Atheist ist. Er habe wunderbare Gespräche mit Menschen verschiedenster Glaubensrichtungen gehabt, aber er sei halt Atheist und das bleibe er auch. Er findet das offensichtlich modern, und der Philosoph Friedrich Nietzsche, den er bewundert, sei allemal spannender als das längst überlebte Christentum.

Aber stimmt das denn überhaupt? Ist der christliche Glaube heute wirklich nur ein Relikt aus vergangenen Tagen? Das Johannes-Evangelium, das als intellektuellstes der vier Evangelien gilt und deutlich nach den Synoptikern Lukas, Matthäus und Markus geschrieben wurde, beginnt auf jeden Fall mit einem gerade heute spektakulären Satz: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott … Alles ist durch das Wort geworden, und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist.“

Natürlich klingt da für den im Altgriechischen Bewanderten der Begriff „Logos“ (griechisch: Vernunft, Rede, Sinn) durch diese Zeilen hindurch, für die theologisch Gebildeten der Anfang von Genesis („Gott sprach, es werde Licht“) und für die psychologisch Interessierten das Sprachverständnis eines Jacques Lacan, der sein ganzes Welt- und Wirklichkeitsverständnis an das Sprechen des Menschen bindet; aber: All das muss man gar nicht wissen, um von der Kraft der Sätze, die Johannes an den Beginn seines Evangeliums stellt, fasziniert zu sein. Denn: In unserer modernen Alltagswelt, die von den scheinbar sprachmächtigen digitalen Medien so überstark geprägt ist, ist es doch gerade heute das Wort, das den ganzen lieben langen Tag auf uns einprasselt und von dem wir oft genug nicht mehr wissen, was es uns bedeuten soll! Da geht es gar nicht zuerst um die Inhalte, die medial in unglaublichen Mengen im Wort transportiert werden und digital rund um die Uhr verfügbar sind, sondern um das Sprechen selber, das so als ununterbrochenes Grundmuster unseres Daseins die entscheidend gewordene Wirklichkeit unseres Alltags geworden zu sein scheint. Und so ist diese Münze des Wortes, die eigentlich so wertvoll ist, recht klein geworden. Sie ist sogar so klein geworden, dass manche meinen, dass das Sprechen der Menschen durch die künstliche Intelligenz (KI), die eben vorgibt, alles zu wissen, und zu jedem Thema zu jeder Zeit redebereit ist, recht sinnvoll ersetzt werden kann.

In einer tiefgründigen Predigt hat der Münchner Religionsphilosoph Eugen Biser schon vor vielen Jahren die entscheidende Frage gestellt: „Ist denn ein Wort, und käme es aus dem Munde Jesu, nicht viel zu schwach?“ Und er gibt folgende Antwort: „In unserem Wort schlagen wir nicht nur eine Brücke des Wissens, sondern auch der Gemeinschaft mit anderen. In unserem Wort signalisieren wir einander, noch vor jedem Informationsaustausch, ein Lebensinteresse. Denn wir reden primär nicht, um uns zu verständigen, sondern um in der Begegnung mit anderen unserer Einsamkeit zu entgehen. Deshalb ist mit jedem Wort eine sprachliche Selbstanzeige verbunden, durch die wir unserem Gesprächspartner den Willen zur Gemeinsamkeit mit ihm bekunden.“ Mit solchen Sätzen Bisers gewinnt das Wort seine an die digitale Geschwätzigkeit verlorene Würde zurück. Das Wort ist so gebunden an die Beziehungen von Menschen miteinander, die ohne das Wort einsam und verloren blieben. Und so fährt Biser fort: „Das Wort kann ermutigend, bestätigend und tröstend, wie ein Lichtstrahl von oben, in das Herz des anderen dringen; es kann freilich – wie alles Menschliche – auch zum Gegenteil all dessen missbraucht werden.“

Nirgendwo wird das Sprechen so missbraucht wie im Netz des Digitalen. Kein Wort ist zu schlecht, als dass es dort einem anderen nicht schon zugerufen worden wäre. Die Kommunikation im Netz aber hat noch einen viel größeren strukturellen Mangel, auf den der Philosoph James Bridle hinweist, wenn er sagt: „Die Welt ist nicht digital, die Welt ist analog … was zwischen den Einsen und Nullen passiert, geht verloren.“ Gemeint ist, dass im wirklichen Sprechen vom Ton bis zu den Pausen, vom Rhythmus der Sprache bis zum Klangbild des Sprechens ein Mensch hörbar und liebenswert wird, der eben nicht künstlich nachgebildet werden kann! Der Philosoph Bridle fährt fort: „Das Ergebnis ist tiefe Gewalt, weil das, was verloren geht, entweder gelöscht oder gewaltsam unterdrückt wird.“

Wahres Sprechen hat immer eine Tiefendimension, die von der KI eben nicht imitiert werden kann. Wahres Sprechen steht in tiefer Beziehung zum Unbewussten des Menschen, was seine eigentliche Geschichte zu einem großen Teil ausmacht. „Computer träumen nicht“, fasst der Philosoph David Gelernter das zusammen, um fortzufahren: „Der klassische Computer wird nie ein Bewusstsein wie der Mensch erlangen, er wird keinen Daseinsmodus haben, er wird keine Emotionen fühlen, er wird nicht in der Lage sein, die Welt zu erleben und sich etwas vorzustellen.“

Den Computern fehle das Herz, so schreibt Papst Franziskus in seiner Biografie „Hoffe“: „Kein Algorithmus kann je die Kindheitserinnerungen umfassen, die wir eifersüchtig und liebevoll hüten, jene Bilder, die im Tresor unserer Erinnerungen zu schlafen scheinen und doch lebendig werden wie einst, wenn wir nur einen bestimmten Duft riechen oder den Refrain eines alten Liedes wieder hören.“ Menschen, Beziehung und Sprache, das gehört zusammen, mitsamt dem Schweigen, das es auch gibt – es kann gar nicht gegen eine digitale Welt eingetauscht werden.„Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ So geht der Prolog des Johannes-Evangeliums weiter, indem er in dieser Weise das Weihnachtsgeschehen beschreibt – und natürlich all das, was alle vier Evangelisten als Jesu Leben und Lehren erzählen. Diese vier Evangelientexte, das ist nicht viel, wenn man den Umfang anschaut, aber jede Zeile hat es in sich! Das ist eine Gegenkultur zur billigen Geschwätzigkeit der digitalen Zauberwelt. Und Jesus ist eine wundervolle Gegenfigur zu Elon Musk, der immer noch reicher werden und den Mars besiedeln will.

Genau deshalb haben Christentum und Christ-Sein für viele Menschen über mehr als zwei Jahrtausende ihre Faszination behalten. Sie haben in jeder Zeit eine je neue Faszination, sodass die Texte des Neuen Testaments auch immer wieder neu aktuell sind; immer wieder neu zu denken geben, Hilfe werden in der modernen Welt von heute, wo die Weisheit dieser Texte regelrecht sabotiert werden soll. Der Schriftsteller, der Nietzsche liebt? Es sei ihm gegönnt, wir aber, die wir glauben und das Weihnachtsfest lieben, wollen jetzt feiern.

Straubinger Tagblatt vom 20. Dezember 2025